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Moskau im Kunstrausch

Der soll nicht nur zum Nachdenken sondern fordert den Besucher heraus. Der soll nicht nur zum Nachdenken angeregt werden sondern einbezogen werden in die Kunst. „Performative Wende" nennt das der österreichische Kurator Peter Weibel. Und diese Einbeziehung des Publikums ist dem 67-Jährigen besonders wichtig. „Denn nur dadurch wird das Kunstwerk vollendet", glaubt er. Peter Weibel leitet das Zentrum für Kunst und Medientechnologe (ZKM) in Karlsruhe und war schon öfter in Russland, aber eine Biennale zu kuratieren, das sei doch „eine besondere Ehre". Die besondere Ehre wurde ihm zuteil, weil er die Auswahljury mit seinem Konzept überzeugt hat - ein wesentlicher Punkt dieses Konzepts ist die Interaktion mit dem Besucher.

DIe Medienkunst spielt bei der Biennale eine besondere Rolle. Foto: Pauline TIllmann


Wenn man durch die Ausstellung im „ARTPLAY Design Center" geht, auf dem Gelände des Kunstareals „Winsawod", dann fallen diese interaktiven Werke ins Auge. Manchmal wirken sie ganz unscheinbar und wenn der Besucher sich traut und darauf zugeht, passiert etwas. Und zwar passiert etwas mit dem Kunstwerk, aber vor allem mit dem Besucher. Die Ausstellung ist eine Mischung aus Malerei, Skulptur und Medienkunst, also Ton- und Videoinstallationen. Peter Weibel hat sich in den 60er Jahren viel mit Performances beschäftigt und später einige Experimentalfilme gemacht. Medienkunst liegt ihm besonders am Herzen. Und das merkt man der Moskauer Biennale an. Das Besondere in diesem Jahr: Es werden erstmals russische Medienkünstler gezeigt. Einige von ihnen sind international erfolgreich, haben Lehraufträge an renommierten Universitäten, aber im eigenen Land wurden sie bisher kaum wahrgenommen. Das hängt damit zusammen, dass Medienkunst aufwendig ist - aber vor allem liegt es auch daran, dass man einfach nicht erwartet, dass in Russland zeitgenössische Kunst gemacht wird, die international mithalten kann.

Zeitgenössische Kunst ist schick

Während der Sowjetzeit wurde zeitgenössische Kunst unterdrückt. Das heißt, de facto hatte diese Kunstform nur 20 Jahre Zeit sich zu entwickeln. Deshalb glaubt man, dass die zeitgenössische Kunst in Russland noch in den Kinderschuhen steckt. „Stimmt nicht!", sagt Kurator Peter Weibel. „In den letzten Jahren hat sich in Russland ein Mäzenatentum entwickelt, wodurch große Ausstellungen finanziert und junge Künstler gefördert werden." In Russland ist es heutzutage schick sich mit zeitgenössischer Kunst zu beschäftigen. Den Anfang dieser Bewegung leitete Darja Schukowa ein. Sie, Kunsthistorikerin, hat dafür gesorgt, dass das zeitgenössische Museumszentrum „Garage" für zehn Millionen Euro aufwendig renoviert werden konnte. Denn ihr Lebensgefährte ist nicht irgendwer sondern Roman Abramowitsch, mit acht Milliarden Euro einer der reichsten Russen der Welt.

Die letzte Moskauer Biennale vor zwei Jahren hat in eben dieser „Garage" stattgefunden. Auch dieses Jahr wollte man wieder dorthin - aber Darja Schukowa hat abgelehnt. Grund: unbekannt. Tatsächlich ist es aber gar nicht so einfach in Moskau einen passenden Raum für großformatige Kunstwerke zu finden. Die Halle, in der die Biennale jetzt schwerpunktmäßig stattfindet, wurde erst Ende August fertiggestellt. Dort sind 71 Exponate ausgestellt, weitere zehn befinden sich in der „Tsum Art Foundation", einem Ausstellungsraum im obersten Stockwerk des Luxuseinkaufszentrums „Tsum" neben dem Bolschoi-Theater.

„Die Moderne ist vorbei"

Auch das ist symptomatisch für den derzeitigen Umgang mit zeitgenössischer Kunst. Sie ist in einem Gebäude untergebracht, in dem die Reichen Moskaus verkehren. Und die Reichen Moskaus finden es derzeit angesagt ihren Horizont durch aufregende, ungewöhnliche Kunst aus dem Westen zu erweitern. Neuartig an der zeitgenössischen Kunst 2011 ist vor allem: Sie ist nicht mehr abstrakt sondern gegenständlich und realistisch. Kurator Peter Weibel bringt das auf die Formel: „Die Moderne ist vorbei." Viele Kunstwerke setzen sich mit aktuellen sozialen und politischen Fragen auseinander. So auch „Remote Words" von Achim Mohné und Uta Kopp. Sie nutzen „Google Earth" wie sie selber sagen „parasitär" und veranschaulichen mit einer fliegenden Drohne, wie sehr wir tagtäglich unter Beobachtung stehen und überwacht werden. In Deutschland wird viel über Datenschutz und Überwachung gesprochen, in Moskau wirkt das Thema ein bisschen fremdartig. Aber auch das ist Teil des Konzepts: Fremde Elemente nach Russland bringen, um Denkanstöße zu liefern.

Eine expressive Arbeit des Argentiniers Fabian Marcaccio. Foto: Pauline Tillmann

Im Biennale-Programm ist auch der bekannte chinesische Künstler Ai Weiwei vertreten. Seine einstündige Dokumentation zeigt eine viel befahrene Straße in Peking mit geringfügig wechselnder Perspektive. Sie soll verdeutlichen, dass Peking ständig im Wandel ist, und zwar nicht nur im positiven Sinn. Die Kritik am System ist subtil. Aber manchmal ist sie auch ganz offensichtlich, wie beim britischen Künstler Richard Hamilton. Er will klar machen, dass Palästina über die Jahre immer stärker zusammengeschrumpft ist und übt damit offen Kritik an Israel. Kritik an Russland, dem Staatsapparat oder der orthodoxen Kirche, sucht man bei dieser Biennale vergeblich. Bei den letzten Biennalen haben genau solche Werke für viel Aufregung gesorgt, aber Kurator Peter Weibel findet es „ungerecht, wenn die Aufmerksamkeit nur auf ein Exponat gerichtet wird". Deshalb ist die Ausstellung nicht per se unpolitisch, aber sie richtet sich mit ihrer Kritik in erster Linie an die westliche Welt. Weibel sagt: „Warum sollte ich an einem Land, das korrupt ist Kritik üben, wenn ich selber aus einem Land komme, das noch viel korrupter ist?" Gemeint ist Österreich. Weibel ist radikal in dem was er sagt, vor allem wenn es um sein Heimatland Österreich geht. Moskau sieht er in der Achse zwischen New York und Peking als neues Machtzentrum der Kunst. Die 4. Moskauer Biennale für zeitgenössische Kunst macht jedenfalls deutlich: Es gibt viel Potenzial.

 

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